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Der Selbstversuch mit einem kognitiven Betriebssystem

Kürzlich habe ich hier mein AI-Setup beschrieben. Es besteht aus einem lokalen Markdown-Vault in Obsidian, einem persistenten autonomen Agenten (Hermes Agent) und der Rechenleistung von Gemini. Mein Ziel: Anti-Lock-In, Datensouveränität, das Konservieren von Prozesslogik und das Schützen des eigenen geistigen Eigentums.

Ich arbeite mit diesem Setup seitdem fast täglich, und es macht, was es soll. Sogar das LLM-Hopping funktioniert völlig problemlos. Doch je mehr Ergebnisse ich produziere, desto mehr frage ich mich, wie ich ihm das Lernen noch besser beibringen kann.

Personal Transport. Copyright: @an_improbable_future

Kürzlich habe ich hier mein AI-Setup beschrieben. Es besteht aus einem lokalen Markdown-Vault in Obsidian, einem persistenten autonomen Agenten (Hermes Agent) und der Rechenleistung von Gemini. Mein Ziel: Anti-Lock-In, Datensouveränität, das Konservieren von Prozesslogik und das Schützen des eigenen geistigen Eigentums.

Ich arbeite mit diesem Setup seitdem fast täglich, und es macht, was es soll. Sogar das LLM-Hopping funktioniert völlig problemlos. Doch je mehr Ergebnisse ich produziere, desto mehr frage ich mich, wie ich ihm das Lernen noch besser beibringen kann.

Also konkret: Wie unterrichte ich das System effizienter, damit es mir im Gegenzug dabei hilft, meine blinden Flecken schneller zu erkennen und mein Wissen besser zu verdichten? Am besten natürlich thesaurierend.

Salopp gesagt: Ich hätte gerne so etwas wie ein maßgeschneidertes "kognitives" Exoskelett, also ein Werkzeug, das meine Kraft potenziert und mir bei meiner Arbeit hilft. Analog eines kraftunterstützenden Lastenexoskeletts – nur eben, dass ich nicht schwerer heben, sondern schneller denken will.

Ganz klar: Es geht mir um bessere Wissensarbeit – und nicht darum, bequemer und weniger zu arbeiten. Ich will einfach qualitativ hochwertigere Ergebnisse erzielen. Aber ich beginne zu ahnen, dass der Engpass bei mir selber liegt. Und dass er sich nur mit Fleiß aufheben lässt.

 

Die Suche nach Vordenkern

Wenn man nach „KI und Notizen“ sucht, landet man schnell in zwei Lagern. Auf der einen Seite stehen die SaaS-Plattformen (Notion AI, Mem, Reflect). Sie versprechen das Paradies auf Knopfdruck: "Schieb einfach all deine Notizen in unsere Cloud, stelle eine Frage, und du erhältst sofort die Antwort!" In der Realität ist das aber wieder nur eine weitere Sackgasse: Vendor-Lock-In, Null Mandantenschutz und vor allem die völlige Fragmentierung des Kontexts. Man chattet am Ende doch wieder nur mit einer Blackbox. Das ist nicht die Lösung, die ich suche.

Auf der anderen Seite gibt es aber ein paar Vordenker, die das Problem tiefer durchdringen:

  • Andrej Karpathy beschreibt das LLM treffend nicht als Antwort-Maschine, sondern als CPU eines neuen Betriebssystems, dessen RAM das Kontextfenster und dessen langlebiges Dateisystem ein sauber gepflegtes, interlinking-fähiges Markdown-Wiki ist.

  • Andy Matuschak und Michael Nielsen prägten den Begriff der „Tools for Thought“. Ihre zentrale These lautet: Das Ziel von Software sollte nicht bloß passive Bequemlichkeit oder Auslagerung von Denkarbeit sein („Cognitive Outsourcing“), sondern die Erweiterung menschlicher Erkenntnis und das Ermöglichen neuer Denkweisen.

  • Dan Shipper untersucht in seinem Magazin Every und in seinem Newsletter Chain of Thought seit Jahren, wie KI-Modelle das menschliche Denken erweitern, anstatt es zu ersetzen.

Mein Bauch sagt: Hier zeichnen sich Lösungsansätze ab, auch wenn es noch keinen klaren Weg gibt. Also ausprobieren, Erfahrungen sammeln und ein Gefühl entwickeln. Dazu gehört übrigens auch das Scheitern und Wiederaufstehen; Skin in the Game wird das gerne genannt. Ich habe das damals mindworks, mediadeck, Chromjuwelen und LeSupra genannt.

 

Die Aufgabe: Das Denken vom Ich trennen

Ich hadere noch mit dem Begriff „Kognitives Exoskelett“, weil er mir zu sehr nach Sci-Fi-Labor und Silicon-Valley-Pathos klingt. Was ich aber daran mag: Ein Exoskelett ersetzt nichts. Es verstärkt lediglich die Kraft, die bereits vorhanden ist. Und es setzt voraus, dass man selbst läuft, steuert und die Richtung vorgibt. Einfach ausgedrückt: Ich muss schon noch selber denken, ansonsten passiert eben auch nichts.

Was dieser sperrige Arbeitstitel noch illustriert, das ist ja, dass ein Exoskelett umso besser funktioniert, desto maßgeschneiderter es ist. Und da ich das ja nur selber erledigen kann, setzt das viel Abstraktionsvermögen meinerseits voraus. Womit ich beim eingangs erwähnten Engpass wäre. Hinzu kommt, dass es mit dem Denken alleine ja auch nicht getan ist – denn individuell wird das System ja erst, wenn ich es auch mit meinen Erfahrungen füttere. Wer hier längst ausgestiegen ist: Mir geht es darum, dem System meinen Fingerprint beizubringen.

Das alles setzt Fleiß und Ausdauer voraus. Und war der "alte" Fleiß noch mechanisch – stundenlang Daten zusammentragen, Transkripte wälzen, Folien formatieren – ist der neue Fleiß kognitiv: Man muss die Abstraktion lernen, das Denken von der eigenen Person zu trennen. Und das ist anstrengend, denn man nimmt seine unfertige Intuition und macht sie zum Systemobjekt. Und dann nutzt man den Agenten nicht als Orakel, sondern als Schleifstein. Das System hält dagegen. Es fordert mehr Kontext und deckt logische Brüche auf. Es verlangt: „Auf welcher Prämisse steht diese These? Was passiert, wenn Annahme B wegbricht?“ Das System macht die Denkarbeit nicht bequemer, es macht sie anstrengender – dafür aber radikaler und schonungsloser.

Der Lohn ist – so zumindest die Theorie –, dass sich das System mit jedem Inhalt verbessert. Und umso sorgfältiger es aufgebaut ist, desto erfolgreicher kann es unterstützen. Was auch bedeutet, dass Wissensarbeiter hier einen echten "Burggraben" aufbauen können. Vorausgesetzt natürlich, dass sie bereit sind, den angesprochenen Fleiß aufzubringen.

 

Offener Werkstattbericht: Eine Einladung an Gleichgesinnte

Ganz offen: Ich bin mitten auf dieser Reise. Ich weiß heute noch nicht im Detail, wer am Ende dieses Setup wirklich braucht oder wie das fertige Produkt aussehen wird. Dafür sind die Konzepte dahinter noch viel zu frisch.

Aber eines weiß ich sicher: Wer Sachbücher liest, wer lernwillig ist und nach echter Erkenntnis strebt, ist intellektuell nicht faul. Er sucht keine Knopfdruck-Tricks. Er sucht Werkzeuge, die ihn herausfordern und besser machen. Genau für diesen Typus Mensch baue ich mein System. Nicht als Autopiloten für Bequemlichkeit, sondern als Einladung zum intellektuellen Challenge.

Ich mache diesen Selbstversuch öffentlich, weil mich die Produkt-Seite reizt: Wie müssen Werkzeuge beschaffen sein, die Haltung, Handwerk und geistige Schärfe belohnen, statt Bequemlichkeit zu zelebrieren?

Photo/Copyright: An Improbable Future.

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